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Kurz gefragt: „China in 10 Antworten“

Perspektiven aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis

Bitte stellen Sie sich kurz vor: Wer sind Sie, was machen Sie beruflich – und wie ist Ihr Bezug zu China?

Ich bin Prof. Dr.-Ing. Egon Müller und war viele Jahre als Professor für Fabrikplanung und Fabrikbetrieb und Institutsdirektor des Institutes für Betriebswissenschaften und Fabriksysteme an der Technischen Universität Chemnitz tätig. Zuvor führte mich mein beruflicher Weg über ein Maschinenbaustudium, die Promotion sowie eine Professur an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Zwickau. Darüber hinaus war ich mehrere Jahre Vorsitzender des Industrie- und Außenwirtschaftsausschusses der IHK Regionalkammer Zwickau. Seit meiner Emeretierung 2018 bin ich weiterhin als Angehöriger der TU Chemnitz mit der Universität verbunden.

Mein Bezug zu China besteht seit rund 30 Jahren – sowohl beruflich als auch persönlich. In dieser Zeit haben sich zahlreiche Kontakte in den Bereichen Lehre, Forschung und Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen entwickelt. Besonders der wissenschaftliche Austausch und die wirtschaftliche Kooperation mit chinesischen Partnern haben meine Arbeit über viele Jahre begleitet. Darüber hinaus gab es über fast ein Jahrzehnt auch familiäre Verbindungen nach China, wodurch ich das Land nicht nur aus beruflicher, sondern auch aus persönlicher Perspektive intensiv kennenlernen konnte.


Was war Ihre wichtigste persönliche oder berufliche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit China?

Eine meiner prägendsten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit China war die große Wertschätzung, die wissenschaftlichen Leistungen, fachlicher Expertise und auch persönlichen Lebenserfahrungen entgegengebracht wird. Dieses ausgeprägte Senioritätsprinzip habe ich in der Zusammenarbeit mit sehr unterschiedlichen chinesischen Partnern immer wieder erlebt.

Im Laufe der Jahre war ich mehrfach als „Invited Professor“ an chinesischen Universitäten tätig und konnte im Rahmen des „High-Level Foreign Expert Program“ der chinesischen Zentralregierung wiederholt längere Aufenthalte an verschiedenen Hochschulen in China verbringen. Von 2019 bis 2022 war ich zudem als „Chief Scientist“ der „5G Based Intelligent Platform“ am Haier Institute of Industrial Intelligence tätig. Besonders bereichernd war für mich darüber hinaus die Arbeit mit chinesischen Doktoranden in Deutschland, die ich als äußerst engagiert, fachlich stark und wissenschaftlich sehr motiviert erlebt habe.


Warum ist China aus Ihrer Sicht heute ein relevanter Partner – fachlich, wirtschaftlich oder wissenschaftlich?

Über die gesamte Zeit meiner Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern wurden verschiedene Felder strategisch langfristig entwickelt. Wirtschaftlich wurde die Strategie „Made in China 2025 seit über 10 Jahren konsequent umgesetzt und systematisch weiterentwickelt Sie entsprach anfangs in vielen Bereichen dem Industrie-4.0-Ansatz der deutschen Hightech-Strategie, inzwischen ist China auf einzelnen Feldern – etwa bei Künstlicher Intelligenz, humanoider Robotik, Automatisierung oder erneuerbaren Technologien – jedoch teilweise deutlich voraus.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch im Hochschul- und Wissenschaftssystem beobachten. Die strategische Ausrichtung erfolgte dort gnadenlos leistungsorientiert (Gaokao Test unabdingbare Voraussetzung zur Zulassung zum Studium) und genauso gnadenlos orientiert auf die MINT-Fächer zur Umsetzung der Wirtschaftsstrategie.

Aus diesen Entwicklungen ergeben sich heute Chancen für echte WIN-WIN-Situationen in der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf hohem Niveau. Die Zeit einer eher „lehrmeisterhaften“ Zusammenarbeit aus deutscher Perspektive ist dabei aus meiner Sicht längst vorbei.


Was unterscheidet die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern am stärksten von anderen internationalen Kooperationen?

Aus meinen persönlichen Erfahrungen würde ich erhebliche Unterschiede zu anderen internationalen Kooperationen in meistens weniger strukturierten Vorgehensweisen sehen. Das gilt grundsätzlich auch für die wissenschaftliche Zusammenarbeit, zeigt sich jedoch besonders ausgeprägt im wirtschaftlichen Kontext. Wirtschaftliche Zusammenarbeit ist häufig bzgl. des Erfolges stark geprägt von persönlichen Beziehungen zwischen den Partner beider Seiten. Die chinesische Seite ist bei Handlungen und Entscheidungen stark geprägt von einer dominanten und ausgeprägten hierarchischen Leitung auf chinesischer Seite. Das spielt eine extrem große Rolle. Das sollte bei Abstimmungen und Festlegungen unbedingt berücksichtigt werden.

Wenn es organisatorisch möglich ist, sollte zudem versucht werden, eine chinesische Vertrauensperson einzubinden, die nicht unmittelbar zur jeweiligen Partnerorganisation gehört. Zudem ist es hilfreich, die Kommunikation nicht ausschließlich auf Englisch zu beschränken


Welche typische Herausforderung tritt in der Zusammenarbeit mit China immer wieder auf?

Die Bedeutung der Kommunikation außerhalb des offiziellen Teils von Gesprächen und Verhandlungen in China wird häufig völlig unterschätzt. Das meistens dazugehörige Geschäftsessen kann durchaus eine entscheidende Rolle für den erfolgreichen Ausgang von Gesprächen und Verhandlungen bilden, manchmal mehr als die inhaltliche Einigung und Verständigung. Dabei sollte unbedingt der völlig andere kulturelle und geschichtliche Hintergrund der Entwicklung der VR China und deren Gesellschaft berücksichtigt werden.

Entscheidungen werden häufig durch verantwortliche Personen ad Hock getroffen, können sich aber bei der Einbeziehung offizieller Stellen sehr lange hinziehen. In dem Zusammenhang ist es auch möglich, dass man plötzlich auf andere verantwortliche Ansprechpartner trifft.


Gab es eine Situation oder auch ein Missverständnis, aus der Sie besonders viel gelernt haben?

Es ist nicht ausgeschlossen, dass besonders in der Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Bereich durch beteiligte chinesische Personen Erwartungen an persönliche Unterstützung entstehen.


Was hätten Sie gern gewusst, bevor Sie Ihre erste Kooperation oder Ihren ersten Forschungsaufenthalt in China begonnen haben?

Durch die Möglichkeit sukzessive Erfahrungen über meine langjährigen und vielen Aufenthalte zu sammeln, könnte ich jetzt nicht explizit Sachverhalte benennen.


Welche Kompetenzen oder Vorbereitungen sind aus Ihrer Sicht entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit China?

Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit China ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, sich grundlegendes Wissen zur geschichtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Landes anzueignen. Sich ausschließlich auf allgemeine öffentliche Wahrnehmungen zu verlassen, ist dabei wenig hilfreich und kann im schlimmsten Fall sogar schädlich für die Zusammenarbeit sein.

Ebenso wichtig ist es, sich mit dem aktuellen Stand bzw. Niveau an den verschiedensten Einrichtungen Chinas auseinanderzusetzen. Wer mit chinesischen Partnern erfolgreich zusammenarbeiten möchte, sollte sich vorab gezielt über die jeweiligen Einrichtungen und ihre Kompetenzen auf wissenschaftlichem Gebiet informieren.


Wie hat sich der Austausch mit China in den letzten Jahren verändert – wissenschaftlich oder kulturell?

Der Austausch mit China hat sich in den vergangenen Jahren aus meiner Sicht deutlich verändert. In den weiter zurückliegenden Jahren gab es ein uneingeschränktes Aufblicken zu den Leistungen aus Deutschland auf ziemlich allen Gebieten. Durch die bereits angesprochenen strategischen Entwicklungen hat sich dieses Verhältnis jedoch grundlegend verändert. China ist heute vielfach nicht nur gleichauf mit dem deutschen Niveau, sondern auf vielen Gebieten voraus. Diese Entwicklung zeigt sich auch in einem deutlich gewachsenen Selbstbewusstsein auf chinesischer Seite – sowohl institutionell als auch gesellschaftlich.

Das wurde für mich auch in persönlichen Begegnungen spürbar. Mehrfach haben mir chinesische Studierende ganz selbstverständlich und ungefragt mitgeteilt, dass sie stolz darauf sind, Chinesinnen und Chinesen zu sein. Dieses gewachsene nationale Selbstverständnis prägt aus meiner Sicht heute viele Formen der Zusammenarbeit und des Austauschs.


 Welche eine zentrale Erkenntnis oder Empfehlung würden Sie anderen Forschenden mitgeben?

Man muss mittlerweile davon ausgehen, dass die meisten Gespräche, Themen und Projekte auf gleicher Augenhöhe zu führen sind und sich die chinesischen Partner dessen bewusst sind.


Das YiQi-Team bedankt sich ganz herzlich für das offene Gespräch, die spannenden Einblicke
und Ihren wertvollen Beitrag zu unserer Reihe „Kurz gefragt: China in 10 Antworten“.
Bundesministerium Forschung, Technologie und Raumfahrt WHZ Westsächsische Hochschule Zwickau Technische Universität Chemnitz